Publiziert am
Mission St. Anna

WO IHR ENGAGEMENT WIRKUNG ENTFALTET

Dominik Wicki, Leiter des Ressorts Mission der St. Anna Stiftung, berichtet von seiner zweiten Indien-Reise. 

Zusammen mit Sr. Nirmala, Missionskoordinatorin in Indien, besuchte ich im Sommer 2018 unsere St. Anna-Schwestern sowie die Leistungsempfängerinnen und -empfänger und machte mir vor Ort ein Bild über die Projekte in Indien. Wir konnten acht Stationen in sechs Bundesstaaten und 16 Projekte genauer betrachten. Ich bin beeindruckt von der Arbeit der Schwestern. Was klar erkennbar war: Die Schwestern wirken unterstützend. Die Veränderung selbst muss von den Betroffenen gewollt werden (Empowerment, Hilfe zur Selbsthilfe). 

Für mich war es die zweite Reise nach Indien. Deshalb traf ich auf einige bekannte Gesichter, und das Vertrauen musste nicht von Null aufgebaut werden. Mit einigen Schwestern bin ich auch von der Schweiz aus regelmässig in Kontakt. Mit Sr. Nirmala tausche ich mich beispielsweise fast täglich über WhatsApp aus. Persönliche Begegnungen können dadurch allerdings nicht ersetzt werden. 

BILDUNG ALS A UND O

Unsere Reise begann in Ranchi. Ranchi ist die Hauptstadt des Bundesstaates Jharkand, wo über 30 Millionen Menschen leben. 32 Prozent der Bevölkerung können weder lesen noch schreiben. Bei den Frauen liegt die Alphabetisierungsrate bei nur gerade 56,2 Prozent und damit deutlich unter dem indischen Durchschnitt von 74 Prozent. Die St. Anna-Schwestern führen in Bijulia eine eigene grosse Schule mit rund 2000 Schülern und Schülerinnen. Zudem existieren Programme für Slum-Kinder. Sie werden motiviert, zur Schule zu gehen und bekommen Nachhilfeunterricht. 

Etwa drei Autostunden von Ranchi entfernt besuchten wir in Navajara mehrere Frauengruppen und hörten uns an, wie sich die Frauen organisieren und gegenseitig unterstützen. Die Gegend ist sehr abgelegen und weit weg vom technologischen Fortschritt. Autos sieht man sehr selten, und die Felder werden noch mit Ochsenkarren bestellt. Neben den Frauengruppen betreiben die Schwestern ein kleines Gesundheitszentrum und sind beteiligt an der Leitung einer Primarschule. 

IM WAISENHEIM

Nach vier Tagen und drei Nächten im feuchtheissen Nordosten von Indien ging unsere Reise weiter in den klimatisch angenehmen Süden, in den Bundesstaat Karnataka nach Bangalore. Bangalore ist das Zentrum der indischen Hightech-Industrie. Deutlich zu spüren ist, dass bei gewissen Leuten der Reichtum angekommen ist. Das Problem, wie so oft, ist die gerechte Verteilung. Die Gegensätze sind extrem. 

Kinder und Frauen sind oft am stärksten benachteiligt. Deswegen setzen die Schwestern auch vermehrt Projekte für Kinder und Frauen um. Wir trafen uns mit Frauen, die an einem Ausbildungsprogramm teilnehmen – sie machen oder machten eine einjährige Bürolehre. Ausgelernte erzählten stolz von ihren neuen Jobs und ihren Erfolgen. Ausserdem besuchte ich das Waisenheim Prajyothi. Die Kinder wachsen dort in Würde auf und geniessen eine gute Ausbildung. Einige Kinder erkannten mich wieder. Ihre Lebensgeschichten sind sehr berührend und lassen einen nachdenklich zurück. 

ENGAGEMENT IN DER TEMPELSTADT

Nach zwei Tagen Bangalore ging die Reise weiter nach Madurai. Madurai liegt im Bundesstaat Tamil Nadu und zählt gegen eine Million Einwohnerinnen und Einwohner. Anziehungspunkt ist der Minakshi-Tempel. Wir wurden von einer Hindu-Kollegin durch den Tempel geführt und erfuhren mehr über die Stadt und den Hinduismus. 

Die St. Anna-Schwestern führen in Madurai ein Haus für HIV/AIDS-Betroffene und infizierte Kinder und Jugendliche. Die Schwestern leben mit den 25 Mädchen im selben Haus. Die Mädchen gehen in die Schule und sind meistens sehr gute Schülerinnen. Trotzdem: Sie brauchen Möglichkeiten zur Entwicklung sowie den Zugang zu Bildung und medizinischer Versorgung. Unser Programm in Madurai bietet das. Das Programm läuft seit dem Jahr 2000. Bereits 96 Mädchen stehen heute auf eigenen Füssen. Sie arbeiten, sind integriert, studieren oder sind glückliche Familienfrauen. 

WIE MUTTER TERESA

Nach Madurai ging es nach Andhra Pradesh. Dort besuchten wir das neue Gebäude unseres ersten Spitals in Vijayawada. Das Spital sieht grossartig aus, und die Freude der Patientinnen und Patienten und der Schwestern über den Neubau war spürbar. Das Spital wurde zum grössten Teil mit Mitteln der indischen Gesellschaft finanziert. 

Nächstes Ziel war Jaggayyapet. Dort wirkte früher Sr. Walburga Schmid. Sie hat in dieser Gegend denselben Stellenwert wie Mutter Teresa, wie ich erfuhr und in spontanen Gesprächen bestätigt sah. Sr. Walburga nahm verstossene Leprakranke auf und kümmerte sich um sie. Noch heute werden Leprakranke betreut. Die St. Anna-Schwestern haben ein Sozialzentrum aufgebaut, in dem Menschen in Notlagen betreut werden: ein Spital, ein Programm für HIV/AIDS-Kinder, ein Internat und mehrere Frauengruppen mit insgesamt 4500 Mitgliedern. 

Schliesslich fuhren wir weiter nach Thiruvur. Dort besuchten wir eine Schule für Slum-Kinder. Sie wachsen oft in sehr schwierigen Situationen auf und bleiben hin und wieder für mehrere Tage der Schule fern. Lehrer müssen vielfach auch psychologische Arbeiten leisten. Ein häufiger Grund für die Absenzen sind alkohol- oder drogensüchtige Eltern. Die Lehrerin sagte, es sei ein ständiger Kampf. 

OHNE VERTRAUEN GEHT NICHTS

Unser letzter Tag war im Generalat in Hyderabad. Dort hatten Sr. Nirmala und ich eine Sitzung mit den Generalrätinnen. Wir hatten die Möglichkeiten, den Schwestern von unseren Erfahrungen zu berichten und über die Zusammenarbeit der indischen und afrikanischen Schwestern mit der Schweiz zu sprechen. 

Die Reise war kurz, die Tage waren lang, und ich habe viel gelernt. Ich bin froh, dass ich diese Reise machen konnte, denn die persönlichen Kontakte bringen einen weiter. Über die Projekte erfuhr ich viel, und die Schwestern lernten unsere Erwartungshaltungen und mich kennen. Vertrauen kann viel besser in persönlichen Gesprächen aufgebaut werden. Ohne Vertrauen sind Projekte in der Entwicklungszusammenarbeit nicht möglich.